Seit einiger Zeit propagiert die SAP wieder einmal das Thema ECM. Liegt es daran, dass man die neue strategische Partnerschaft mit Opentext mit etwas mehr Leben füllen will oder liegt es daran, dass tatsächlich mehr Nachfrage aus dem Markt heraus entsteht? Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich einmal die neuesten Publikationen der SAP zu dem Thema anschauen. Ich habe dies getan und möchte diese auch gern aus meiner persönlichen Sicht kommentieren.
Wie in fast allen Studien zur Marktentwicklung von ECM-Lösungen greift auch die SAP auf Zahlen von Gartner zurück. Im Gegensatz zu der Vergangenheit sind diese jedoch nun etwas moderater, was den prognostizierten Anstieg des Umsatzes mit ECM-Lösungen angeht. Immerhin “nur” noch 500 Millionen pro Jahr. Das relative Wachstum wird mit 12,2 % pro Jahr bis 2012 vorausgesagt. Na prima. Mal sehen, ob die auch so ankommen.
SAP versucht, die eigenen Produkte, wie ArchiveLink, Document Finder oder Recordsmanagement überall dort zu ergänzen, wo es entweder Lücken im Portfolio gibt, wie z.B. bei Capture-Lösungen, oder wo es einfach aufgrund der fachlichen Anforderungen notwendig ist, mit vordefinierten Lösungen in den Markt zu gehen.
Und hierbei hat man sich nun für Opentext entschieden. Unter dem Begriff “SAP Extended DMS” wird nun das Portfolio des ehemaligen Content Management Anbieters, der sich durch diverse Zukäufe mittlerweile zum Vollanbieters entwickelt hat, bezeichnet. Der Fokus liegt auf der Integration von “Content” in die Geschäftsprozesse”, was lt. SAP eine Steigerung des Reifegrads von ECM-Lösungen darstellt. Was machten eigentlich ECM-Lösungen zuvor? Nur Content managen, mal einfach so zum Spass und losgelöst von jeglichem Geschäftsprozessbezug oder vielleicht doch genau das Gleiche? Ich bin der Meinung, wir bekommen hier nur eine anders formulierte Aussage, sonst nichts.
Und gerade das Thema “Rechnungsbearbeitung” wird hier in den Mittelpunkt gestellt. Sozusagen als Paradebeispiel, wie man fertige Lösungen für priorisierte Lösungsszenarien anbieten kann (Aussage SAP). Mal ehrlich: Wie lange gibt es solche Lösungen schon im Markt? Wie viele Anbieter tummeln sich genau hier im heftigen Wettbewerb? Nur, weil nun Opentext die ehemalige Captaris und damit die ehemalige OCE und damit die ehemalige CGK mit dem Spezialprodukt “InvoiceCenter” für die Rechnungsbearbeitung gekauft hat und Opentext nun der größte Spezialpartner der SAP für den Bereich ECM geworden ist, wird dadurch nicht der Markt revolutioniert.
Mit der Vertriebspartnerschaft zwischen SAP und Opentext kommen nun die Produkte der Opentext (und damit die der ehemaligen iXOS) auf die Preisliste der SAP. Der SAP-Vertrieb kann sich nun entscheiden, ob er die eigenen technologisch auf dem aktuellen Stand befindlichen Produkte, wie SAP Recordsmanagement oder Document Finder mit geringen Margen vertreibt, oder die deutlich margenträchtigeren Produkte des Partners. Dreimal dürfen sie raten, für was sich ein teilweise erfolgsabhängig dotierter VB entscheidet…..
Nicht, dass diese Partnerschaft nur vertriebliche Aspekte beinhaltet. Sie ist sehr wohl für einen Kunden von erweitertem Nutzen, wenn es darum geht, die Lücken des SAP-Portfolios zu schließen. Wer bisher z.B. auf SAP Recordsmanagement setze, um seine Akten zu verwalten, war darauf angewiesen, bei einem zusätzlichen Anbieter eine funktionierende Lösung zur Integration von Mails oder gescannter Dokumente zu kaufen. SAP selbst hatte und hat dort nichts im Angebot. Durch die Produkte von Opentext steht nunmehr ein sehr leistungsfähiger und vielfach praxisbewährter Scan-Client zur Verfügung, ebenso ein Interface zur Übernahme von Mails in Akten. Ein echter Mehrwert.
Schwieriger wird die Argumentation immer dann, wenn man properitäre Produktteile aus dem ehemaligen iXOS Portfolio, wie Doculink, plötzlich auf die gleiche Ebene hebt wie die SAP-eigenen Produkte, z.B. Recordsmanagement. Das verwirrt Kunden dann doch sehr. Was soll man denn nun glauben? Den jahrelangen Anpreisungen der SAP-eigenen Werkzeuge oder der neuerlichen Erkenntnis, dass auch die alten Produkte eines ehemaligen Premium-Partners schon immer die bessere Lösung waren?
Der Kunde wird eher verunsichert werden durch solche Art von Publicity. Und damit werden kaufmännische Entscheidungen weiter vor sich hin geschoben. Und dann bin ich mal gespannt, was Gartner in 2012 sagt, wenn die prognostizierten Zahlen (wieder mal) nicht eingetroffen sind…..
Author: Reiner Kappus















